Gropius-Zimmer-Pavillon verlässt die Partnerstadt Blois

Anfang März 2022 wurde der Gropius-Zimmer-Pavillon im französischen Blois, der dritten Station seiner europäischen Reise von Weimar über Siena nach Blois, abgebaut. Der Gropius-Zimmer-Pavillon, der dem echten Gropius-Zimmer in einer abstrakten Raumliniatur nachempfunden ist, bildete vier Monate lang einen verbindenden und offenen Diskussionsraum in der Weimarer Partnerstadt Blois an einem zentralen Standort.

Impressionen vom Abbau des Pavillons

Julia Heinemann, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur Bauformenlehre der Fakultät Architektur und Urbanistik an der Bauhaus-Universität Weimar und Initiatorin des Projekts, schildert ihre Eindrücke und Gedanken im Zusammenhang mit der Reise in ihrem Reisebericht unter dem Titel »Die Demontage der Demokratie. Städtepartnerschaftlicher Weimar- und Bauhaus-Botschafter in Blois abgebaut«. 

»Mit gemischten Gefühlen haben wir nach viermonatiger Standzeit den Gropius-Zimmer-Pavillon im Jardin de l'Évêché in Blois, an der Seite des Reiterstandbildes der Jeanne d‘Arc und vis-a-vis dem Büro des Bürgermeisters (Marc Gricourt) im Rathaus mit der Parole der Französischen Revolution über dem Eingang: »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«, wieder abgebaut.

Der Abbau erfolgte mit gemischten Gefühlen. Aufgebaut als Symbol der städtepartnerschaftlichen Beziehung – und Zeichen der demokratischen Werte – als offenes Direktorenzimmer im öffentlichen Raum, bot die temporäre Rauminstallation einen Ort der Irritation, Information und des Verweilens in einer Neuinterpretation der vorgefundenen Raumkonstellation. Die Botschaft ist die gemeinsame, geschichtliche Errungenschaft der Republik – und dass die Direktorenschaft in einer Demokratie jede und jeder innehat, dass dies aber nicht nur Privileg, sondern auch Verpflichtung ist und über Raumgrenzen hinaus gedacht werden kann und soll.

Wie die letzten, Europa erschütternden Tage zeigen, ist das errungene, respektvolle, demokratische Zusammenleben keine bedingungslose Voraussetzung. Umso makabrer war es, den Pavillon als Symbol der Demokratie zu demontieren, während in Europa Krieg entflammt.

Wir sind davon überzeugt, dass es Gesprächs-, Austausch-, Diskussions- und Informations-Orte braucht, sowohl in virtuellen als auch und vor allem in realen, öffentlichen und neutralen Räumen. Demokratiefähigkeit ist – wie jede Fähigkeit – Übung und kann nur durch Praxis erlernt werden. Demokratie muss ständig aufs Neue praktiziert werden. Dazu braucht es Orte und Gelegenheiten, aber auch die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen und sich Zeit für die Gedanken und emotionalen Beweggründe des anderen – und die eigenen – zu nehmen. Das Verbindende sind nicht Orte, Räume und Architektur an sich, sondern das im Prozess Erlebte und die damit entstehende Interaktion. Die so entstandenen Objekte verkörpern lediglich diese Erinnerungen und die gemeinsam vertretenen und geschaffenen Werte.

Wir schauen erfüllt und wehmütig auf unfassbar schöne Tage und Begegnungen in Blois zurück. Wir sind dankbar, dass wir die bereits bestehenden städtepartnerschaftlichen Beziehungen kennen und schätzen lernen durften. Wir danken der Stadt Blois und ihren Vertretern sowie der Association Blois-Weimar für die Gastfreundschaft und die beeindruckenden Einblicke in die Hochkultur (inklusive der gehobenen französischen Küche) der französischen Partnerstadt, wie z.B. durch den Besuch des Château de Blois von König Ludwig XII. mit Museum mitten in Blois oder die Exkursion zum prächtigsten und größten aller Loire-Schlösser, dem Jagdschloss Chambord, 15 Kilometer östlich von Blois. Wir haben uns gefühlt »wie Gott in Frankreich«, sehr willkommen und fast schon wie zuhause, in der mittelalterlichen historischen Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen, Kathedralen, Parkanlagen und den abendlichen Spaziergängen auf die aus dem 18. Jahrhundert stammende Steinbrücke über die Loire.

Darauf aufbauend konnten auch neue Beziehungen geknüpft werden, aus denen mögliche universitäre Partnerschaften und Kooperationen mit dem Hochschulverbund INSA und der École de la Nature entstehen.

Völkerverständigung, Freundschaft und Dialog brauchen nicht nur Raum und Interaktion, um praktiziert und ständig aufs Neue belebt zu werden, sondern auch einen Rahmen, in dem dies möglich ist. Besonderer Dank gilt hier den Städten Weimar und Blois, die dieses unkonventionelle Projekt unterstützt und ermöglicht haben. Der Pavillon ist eine temporäre Raumintervention, ein zeitlich begrenzter Impuls, der eine neue Perspektive auftut, den Standort für ein kurzes Zeitfenster prägt und eine gemeinsame Erfahrung schafft. Erst ist man irritiert, wenn er dasteht – dann, wenn er fehlt. Was bleibt, ist das Gefühl der Verbundenheit.

Bald bauen wir ihn in einem neuen Kontext auf…Es lebe die selbstbestimmte Freiheit mit all der einsichtigen Verpflichtung und der Verantwortung der gesamten Gesellschaft gegenüber. Auf eine gelebte Demokratie in Frieden!«

(Text und Bilder: Julia Heinemann)

Weitere Abbildungen: Gropiuszimmer.Pavillon (@gropiuszimmer.pavillon) • Instagram-Fotos und -Videos

Weitere Informationen zum Projekt auf der Webseite der Professur Bauformenlehre: Bauhaus-Universität Weimar: Gropius-Zimmer-Pavillon (uni-weimar.de)